• 04.11.2026, 09:35:32
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Nikotin Institut warnt vor pauschalen Verboten: „Wer weniger Raucher will, muss das Verhalten ändern, nicht nur die Gesetze“

Der Wiener Suchtmediziner Dr. Ernest Groman warnt vor gesundheitspolitischen Fehlanreizen und fordert eine wissenschaftlich fundierte, risikobasierte Regulierung.

Wien (OTS) - 

Acht EU-Staaten, darunter Belgien, Finnland, Frankreich, Lettland, die Niederlande, Slowenien, Spanien und Ungarn, fordern in einem gemeinsamen Schreiben an EU-Gesundheitskommissar Olivér Várhelyi eine weitreichende Verschärfung der europäischen Tabakregulierung. Neben strengeren Vorgaben für bestehende Produkte sprechen sie sich unter anderem für einen generellen Zulassungsstopp für neue nikotinhaltige Produkte und Produktkategorien aus. Österreich gehört nicht zu den Unterzeichnerstaaten und geht bei der Regulierung von Tabak- und Nikotinprodukten einen bemerkenswert pragmatischen Weg: Statt rigoroser Verbote, werden Gesundheitspolitik, soziale Verantwortung und fiskalische Vernunft vereint. Das Ergebnis ist ein risikobasierter Ansatz, der zum Modell für andere europäische Staaten werden könnte.

Dr. Ernest Groman, wissenschaftlicher Leiter des Nikotin Instituts Wien, begrüßt den österreichischen Weg und sieht im Gegenzug die Forderungen nach einem strengen Verbot überaus kritisch. Nicht weil der Schutz vor Nikotinabhängigkeit oder die Reduktion des Tabakkonsums infrage stehen, sondern weil die Wirksamkeit der vorgeschlagenen Maßnahmen sorgfältiger geprüft werden muss. „Wenn unser gesundheitspolitisches Ziel darin besteht, dass weniger Menschen rauchen und weniger Menschen an den Folgen des Rauchens erkranken, dann müssen wir uns an wissenschaftlichen Erkenntnissen und tatsächlichen Ergebnissen orientieren. Ein Verbot ist noch kein gesundheitspolitischer Erfolg. Entscheidend ist, ob dadurch tatsächlich weniger geraucht wird“, betont Groman.

Was die Geschichte der Prohibition lehrt

Die Geschichte der Suchtpolitik zeigt, dass weitreichende Verbote nicht automatisch zu einem nachhaltigen Rückgang des Konsums führen. Ein bekanntes Beispiel ist die amerikanische Alkoholprohibition von 1920 bis 1933. Zwar ging der offiziell verzeichnete Alkoholkonsum deutlich zurück, gleichzeitig entstanden jedoch umfangreiche illegale Vertriebsstrukturen. Im weiteren Verlauf stieg der Konsum wieder an. Für Groman liegt darin eine wichtige Lehre: „Sucht und Abhängigkeit lassen sich nicht einfach durch ein gesetzliches Verbot abschaffen. Wenn die Nachfrage bestehen bleibt, können sich Konsum und Handel in Bereiche verlagern, die staatlicher Kontrolle weitgehend entzogen sind. Das ist aus gesundheitspolitischer Sicht besonders problematisch.“

Gerade bei abhängig machenden Substanzen müsse deshalb berücksichtigt werden, wie Menschen tatsächlich auf regulatorische Eingriffe reagieren. Gesetzliche Maßnahmen könnten wichtige Beiträge zur Prävention leisten. Ihre Wirksamkeit hänge jedoch auch von ihrer Durchsetzbarkeit, ihrer gesellschaftlichen Akzeptanz und dem Zugang zu wirksamen Hilfsangeboten ab.

Nicht jedes Nikotinprodukt birgt dasselbe Gesundheitsrisiko

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die fehlende Differenzierung zwischen unterschiedlichen Produktkategorien. Die größten gesundheitlichen Schäden des Zigarettenrauchens entstehen durch die beim Verbrennen von Tabak freigesetzten Schadstoffe. Nikotin selbst ist abhängig machend und gesundheitlich nicht unbedenklich, aber nicht mit dem gesamten Schadstoffrisiko des Tabakrauchs gleichzusetzen. Groman: „Für erwachsene Raucherinnen und Raucher, denen ein vollständiger Rauchstopp zunächst nicht gelingt, können bestimmte rauchfreie Produkte eine Möglichkeit darstellen, die Belastung durch Verbrennungsschadstoffe zu reduzieren.“

Dass eine differenzierte Betrachtung notwendig ist, zeigen auch aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen: Ein Cochrane-Review kommt zu dem Ergebnis, dass nikotinhaltige E-Zigaretten in kontrollierten Studien mehr Menschen beim Rauchstopp unterstützen können als herkömmliche Nikotinersatztherapien. Diese Erkenntnisse lassen sich allerdings nicht pauschal auf alle neuen Nikotinprodukte übertragen. „Wir müssen unterscheiden zwischen Jugendlichen, die gar nicht erst nikotinabhängig werden sollen, und erwachsenen Menschen, die bereits seit vielen Jahren rauchen. Für beide Gruppen brauchen wir geeignete, wissenschaftlich begründete Maßnahmen. Eine undifferenzierte Gleichbehandlung sämtlicher Produkte wird den unterschiedlichen gesundheitlichen Risiken und Bedürfnissen nicht gerecht“, erklärt Groman.

Pauschale Verbote können den Schwarzmarkt begünstigen

Auch die möglichen Auswirkungen auf den illegalen Handel müssten bei regulatorischen Entscheidungen berücksichtigt werden. Werden nachgefragte Produkte vollständig aus dem legalen Markt verdrängt, kann dies Anreize für Schmuggel, illegale Herstellung und unkontrollierte Vertriebswege schaffen.

Dass der illegale Zigarettenhandel bereits heute professionell und grenzüberschreitend organisiert ist, zeigen jüngste Aufgriffe in mehreren europäischen Ländern. In diesem Zusammenhang warnt Groman: „Auf einem illegalen Markt gibt es weder verlässliche Produktkontrollen noch einen funktionierenden Jugendschutz. Wenn wir gesundheitliche Risiken reduzieren wollen, müssen wir verhindern, dass Konsumenten in unkontrollierte Märkte abwandern.“

Maßvolle Regeln statt schwer kontrollierbarer Verbote

Aus Sicht des Nikotin Instituts Wien braucht Europa deshalb eine Tabak- bzw. Nikotinpolitik, die wissenschaftliche Evidenz, wirksamen Jugendschutz, Suchtprävention und praktische Umsetzbarkeit miteinander verbindet. Dazu gehören klare Altersgrenzen, konsequente Kontrollen, wirksame Einschränkungen von an Jugendliche gerichtete Werbung, nachvollziehbare Produktstandards und ein leichterer Zugang zu professioneller Rauchentwöhnung. Ebenso wichtig sind zielgruppengerechte Aufklärung und eine laufende Überprüfung, ob die gesetzlichen Maßnahmen tatsächlich zu weniger Rauchen und geringeren Gesundheitsschäden führen.

„Eine Regelung ist nicht deshalb erfolgreich, weil sie besonders streng formuliert ist. Sie muss verständlich sein, von der Bevölkerung mitgetragen werden und im Alltag auch kontrolliert werden können. Wir brauchen keine Symbolpolitik, sondern Maßnahmen, die das Verhalten der Menschen nachhaltig verändern“, so Groman. Sein Appell an die europäische Gesundheitspolitik: „Nicht die Zahl der Verbote darf der Maßstab sein, sondern die Zahl der Menschen, die mit dem Rauchen aufhören. Eine pragmatische, wissenschaftlich fundierte und konsequent umgesetzte Regulierung muss sich daran messen lassen, ob sie tatsächlich weniger Abhängigkeit, weniger Tabakkonsum und weniger gesundheitliche Schäden bewirkt.“

Über das Nikotin Institut Wien

Univ.-Doz. Dr. med. Ernest Groman ist Arzt und Experte für Programme zur Rauchentwöhnung. Als wissenschaftlicher Leiter des Nikotin Institutes Wien organisiert und führt er unter anderem seit mehr als 20 Jahren Rauchentwöhnungsprogramme durch.

Das Nikotin Institut Wien wurde 1998 gegründet und bietet Hilfestellungen für Rauchende, die die Abstinenz vom Zigarettenkonsum erreichen bzw. ihren Konsum langfristig reduzieren wollen. Im Zentrum steht dabei die Reduktion von tabakassoziierten Erkrankungen. Im Rahmen dieser Zielsetzung kommen dem Institut Aufgaben wie Diagnose, Therapie und Information der Öffentlichkeit und des Gesundheitssystems zu. Weltweit gibt es nur wenige vergleichbare Institutionen.

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